2017 05 23 Neue Presse Bad Vilbel

So schön kann Chorgesang sein

Von GEORGIA LORI

Die Concordia Eichen feiert in diesem Jahr ihr 175-jähriges Bestehen. Als einer der ältesten Vereine in der Region leistet der Verein einen wichtigen Beitrag für die kulturelle Vielfalt. Das Jubiläumskonzert hat die Concordia mit Educatus, dem Chor der Musikakademie an der Universität Krakau unter Leitung von Professor Adam Korzeniowski, gefeiert. Der Zuspruch in der Kultur- und Sporthalle Heldenbergen ist so groß, dass Stühle zugestellt werden müssen.

Die Concordia Eichen feiert ihr 175-jähriges Bestehen: 34 Herren des Männergesangvereins stehen unter anderem bei dem besonderen Konzert auf der Bühne.

Nidderau. 

Die Vielfalt der Chormusik im Konzert zu dokumentieren, das gelingt Concordia-Chorleiter Hubert-Thorwald Reuter hervorragend. Nach einem halben Jahr Vorbereitung hat er es geschafft, die 34 Sänger des Männerchores sowie die 24 Sängerinnen und 18 Sänger des gemischten Chores derart zu motivieren, dass das Publikum weder mit Applaus noch mit stehenden Ovationen geizte. „Chormusik ist in Bewegung. Der Verein hat eine Zukunft“, sagt Reuter.

Er selbst lebt den Choristen vor, wie schön Chormusik sein kann, macht sie neugierig, fordert sie heraus. In „Zigeunerleben opus 29“ von Robert Schumann sitzt Sängerin Monika Duderstadt am Klavier. Einzelne Stimmen treten aus dem Chor heraus, wie Sopranistin Eleanor Muggleworth, die Tenöre Wolfgang Dörr und Frank Beutler. Die Bassstimme von Jürgen Oehlke erhält Gewicht und die Altstimme von Susanne Jordan rundet das 1840 komponierte Lied ab. Es stammt aus einer Zeit, in der das Volk der Roma in das Bewusstsein der schaffenden Künstler rückt.

Abstecher nach Venedig

Die beiden Solostimmen von Muggleworth und Dörr werden auch in „Un Poquito Cantas“ des zeitgenössischen Komponisten Franz Maria Herzog laut. Viel Applaus gibt es für „Il Carnevale“ von Gioachino Rossini. Eine stimmliche Aufwertung erfährt das Lied von Sopranistin Dorina Köhler. „Der musikalische Abstecher in den venezianischen Karneval ist häufig bei Soireen gesungen worden“, sagt Moderatorin Romy Nickel. Silvia Hofmann, zweite Vorsitzende des gemischten Chores der Concordia, mag dieses Lied besonders gern. „Das Lied lebt durch das Zwiegespräch der Frauen und Männer, die sich singend gegenüber stehen“, sagt sie.

Uta Schubert aus Ostheim bevorzugt das Lied „Die Nacht“ von Franz Schubert. „Ich kann es immer wieder hören“, schwärmt die 77-Jährige. Der Männerchor hat das Lied, das laut Nickel zum immateriellen Weltkulturerbe zählt, zur Eröffnung gesungen. Einen sprachlichen Abstecher wagt Bürgermeister und Schirmherr Gerhard Schultheiß (SPD), als er sich an die polnischen Gäste mit einem kurzen Willkommensgruß in deren Landessprache wendet. Er erinnert an den europäischen Gedanken, den die Concordia schon gelebt habe, als andere noch nicht daran dachten.

Professor Adam Korzeniowski und den Chor Educatus prägen die gemeinsame Leidenschaft zur Chormusik.

„Krakau ist vor dem Hintergrund der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg Mahnung und Symbol der Völkerverständigung“, sagt Schultheiß und übergibt, auch im Auftrag von Landrat Erich Pipa (SPD), eine Jubiläumsgabe in Höhe von 1300 Euro. Die Frage, warum ein polnischer Universitätschor nach Nidderau kommt, beantwortet Vorsitzender Gerhard Reichhold. „Der Chor tritt ohne Gage auf und ist nur wegen unseres Jubiläums über 1000 Kilometer mit dem Bus nach Nidderau gefahren“, sagt er. Geschuldet sei dies einer Freundschaft, die bis zum Jahr 1990 reiche. Diese gehe auf einen internationalen Kontakt Reuters zurück, der 1989 als neuer Chorleiter verpflichtet worden sei.

International bekannt

„Reuter lebt die Musik, die Freude springt über auf das Publikum“, sagt der 67-jährige Rolf Stölzel aus Ostheim, der selbst Concordia-Sänger ist. Als stimmgewaltig und beeindruckend, als ein in sich geschlossener Klangkörper von außergewöhnlicher Qualität gibt sich der Chor Educatus mit geistlicher und weltlicher Musik. Korzeniowski, seit 2009 Professor der musikalischen Künste, führt den 2000 gegründeten Chor mit Sensibilität und Leidenschaft.

Der international bekannte und renommierte Chor hat bei Wettbewerben immer wieder höchste Preise errungen. Educatus ist es eine Freude, dem Publikum die Facetten und Möglichkeiten der heutigen Chormusik darzubieten. Deutlich wird, dass Chormusik Menschen und Nationen auch 175 Jahre nach Gründung der Concordia Eichen noch immer verbindet. Für einige ist es sogar noch mehr: „Meine Frau möge mir das nachsehen, aber seit Donnerstag bin ich in den ganzen Chor verliebt“, sagt Reichhold.